|
Mein Grossvater
Armando wuchs in Dietikon auf, ging dort zur Schule und schloss
eine Lehre als Maurer erfolgreich ab. Nach der Lehre wurde er
schnell Vorarbeiter. Er trat im April 1930 in das schon damals
bekannte Baugeschäft Heinrich Hatt-Haller in Zürich ein. Diese
Firma hatte auch den Zuschlag für die Erstellung und technische
Leitung des Völkerbundpalastes in Genf (in dem heute der
europäische Sitz der UNO untergebracht ist) erhalten. Schon bald
avancierte er zum Polier und war später bei vielen grossen
Bauprojekten der damaligen Zeit als Chefpolier tätig (das
Frachtgebäude am Flughafen Kloten, das erste Zürcher Hochhaus an
der Bärengasse, das Hochhaus an der Gutstrasse). Ebenfalls als
Chefpolier leitete er den Bau des Hauptgebäudes von Brown Boveri
in Baden und des Prüfstollens für den Schiessbetrieb bei der
Waffenfabrik SIG in Neuhausen am Rheinfall. Auch an mehreren
Tunnel-, Strassen- und Brückenbauten war er beteiligt, und am
Stollenbau in Ernen im Kanton Wallis.
Während des
zweiten Weltkriegs war er am Bau der Sustenpass-Strasse
beteiligt. Unter den Arbeitern befanden sich viele Ausländer,
die in der Schweiz interniert waren und ihr Brot verdienen
mussten. Bei vielen von ihnen handelte es sich um Akademiker,
die mit ihren gepflegten weissen Händen „pickelten“ und
„schaufelten“, wie mein Grossvater es nannte. Es beeindruckte
ihn sehr, dass auch solche Leute „anpacken“ konnten, und er
achtete sie. – Bei der Firma Hatt-Haller blieb mein Grossvater
bis zu seiner Pensionierung.
Meine Grossmutter
hatte er geheiratet, als er 19 Jahre alt war. Sie hiess Lina
Maria Widmer, war 5 Jahre älter als er und entstammte einer
Schweizer Familie, die zuerst in Kirchdorf/AG ansässig war und
später nach Geroldswil/ZH zog. Sie war die älteste Tochter des
Grossbauern Christian Widmer und der Lina Keller. Als mein
Grossvater sie kennen lernte, war sie als Fabrikarbeiterin in
einer bekannten Dietikoner Weberei beschäftigt. Mein Grossvater,
der besser Schweizerdeutsch als Italienisch sprach, wirkte sehr
südländisch und besass ein südländisches Temperament. Damals
erlagen viele Schweizer Frauen dem Charme der Italiener. Die
zurückhaltenden, eher biederen Schweizer Männer reagierten
darauf oft mit Eifersucht. Das lebhafte Temperament war ihnen
fremd; die intensive Gebärdensprache empfanden sie als
bedrohlich. Für sie war eine normale italienische Unterhaltung
nur schwer von einem Streit zu unterscheiden. Aus dieser Zeit
stammt der Übername „Tschingge“ für alle Italiener. Sie spielten
gern ein Spiel „La Mora“, bei dem es darum ging, zu erraten, wie
viele Finger sie gleich vorstrecken würden. Den Schweizern blieb
vor allem das Wort „cinque“ in den Ohren, weil es die andern
Zahlen (uno, due, tre, quattro bis dieci) übertönte. Sie nannten
deshalb die Italiener kurz gefasst „cinque“ oder – in der
Schweizer Aussprache – „Tschinggä“.
|