Persönlich
 
   Nacherziehung in Hindelbank
   Vortrag von Frau Dr. med Ursula Davatz
   Eröffnungsrede von Dr. Alfred Müller-Biondi anlässlich der Buch-Vernissage vom 25. November 2002
    Bericht der Lesung in Dübendorf (im Glatttaler)
 

 

Bis 1952 herrschte in der Schweiz die Fiktion, dass es in der Familie nur ein Bürgerrecht gebe, und zwar dasjenige des Vaters. Die in der Schweiz geborenen Kinder übernahmen automatisch das Bürgerrecht des Vaters. Entsprechend verlor eine Schweizerin, die einen ausländischen Mann heiratete, ihr Bürgerrecht und nahm das ihres ausländischen Ehemannes an. Eine ausländische Frau, die einen Schweizer heiratete, erlangte dafür automatisch das Schweizer Bürgerrecht. Dies führte mitunter zu bizarren Situationen. Eine durch Heirat zur Schweizerin gewordene Frau, die kein Wort Deutsch oder Schwyzerdütsch sprach, konnte einer in der Schweiz geborenen, Schweizerdeutsch sprechenden und mit den hiesigen Verhältnissen vertrauten Schweizerin entgegenhalten, sie sei gar keine Schweizerin. Meine Mutter musste dies einmal erfahren, als ihr eine mit einem Schweizer verheiratete Nachbarin italienischer Abkunft sagte: „Iggä Dir scho zeige, was e gueti Swyzeri is“, worauf ihr meine Mutter eine Ohrfeige gab und ihr antwortete: „Jetzt weisch, was en richtigä Tschingg isch“.

Diese Fiktion des einheitlichen Bürgerrechts in der Familie brachte vielen Familien grosses Leid. Auch unserer Familie hat es schwer geschadet. Zwar konnten meine Mutter, geb. 1930 in Zürich) und meine Grossmutter väterlicherseits (Lina Widmer, geb. 1897 in Kirchdorf AG) nach der Revision des Bürgerrechtsgesetzes von 1952 ihr Schweizer Bürgerrecht wieder zurückerlangen (die Stempelgebühr betrug Fr. 52.-) – wir anderen aber, d.h. mein Vater, meine Schwestern und ich, blieben vorerst Italienerinnen. Das führte wiederum zu Spannungen zwischen meinen Eltern: In einer nicht vorherzusehenden politischen Situation hätte es dazu kommen können, dass mein Vater mit seinen Töchtern nach Italien abgeschoben würde. Meine Mutter wollte aber unter keinen Umständen die Schweiz verlassen. Einen Antrag auf Einbürgerung für die ganze Familie zu stellen, war im Prinzip möglich, aber in unserer finanziellen Situation undenkbar ­– bei einem monatlichen Schneiderlohn von 350 Franken.


 

Dieses Foto zeigt die junge Ursula (knapp 17 Jahre alt und im 5. Monat schwanger) glücklich und zuversichtlich im Glauben, Heinz (Schweizer von 24 Jahren), den Vater ihres zukünftigen Sohnes heiraten zu können. Zwei Wochen nach dieser Fotoaufnahme wird sie mit Handschellen abgeführt und zur

"Nacherziehung" nach Hindelbank (grösstes Frauengefängnis der Schweiz)

überführt. Ihr  Leben spielte sich fortan in der Zelle ohne Türklinke ab. Mo-Fr Einschluss von 18:30 bis 06:30 Uhr, … Sa und So Einschluss ganzer Tag, ausser den Mahlzeiten und eine Stunde am Tag durfte sie mit den Insassinnen in den Gefängnishof. Es gab keinen Unterschied in der Behandlung der Braunen „Arbeitserziehungsanstalt“, und der Blauen "Strafvollzugsanstalt" – nur wurden die Blauen vom Staat frei gehalten, während die Braunen ihren Unterhalt selbst bezahlen mussten, falls Zahlungsfähigkeit irgendwie gegeben war. Ihre Mutter zahlte für sie
6'770.90 Franken. 
– Die Folgen: während vielen Jahren litt Ursula unter Bulimie und Klaustrophobie. Diese "Nacherziehungsmethode für Minderjährige" wurde zwar  im Jahre 1969 aufgehoben, d. h. 1 Jahr später nach Ursulas Entlassung. Aber für Ursula blieb es eine lebenslange Notwendigkeit, sich zu rechtfertigen: "Ich war nicht im Gefängnis"!!! – diese immer wiederkehrende Demütigung! 
Dank der doppelten Moral, kamen
die damaligen Täter ungeschoren davon. Erst viele Jahre später vernahm Ursula die schrecklichen Schicksale dieser Menschen, die ihr in ihrem Teenageralter beinahe das Leben und den Verstand kosteten.
Ursula  hat ihnen verziehen und sie glaubt nicht nur, dass sie dies stark gemacht hat, sondern auch, dass sie ihren Weg unbeirrt mit viel Erfolg weitergegangen ist.


 

Diese Foto zeigt, nach über 1 Jahr Gefängnisaufenthalt, die seelisch angeschlagene, junge Ursula im Alter von 181/4 Jahren, Mutter eines 8 Monate altem Babys. Kurz nach der Geburt ihres Sohnes wurde ihr das Kind zwecks Adoption weggenommen. Nach endlosen drei Monaten gab man ihr ihr Kind auf ihr ständiges Drängen hin wieder zurück. Sie hat damals grosses Glück gehabt. 
Aber was ist aus den anderen Frauen geworden, die diese Kraft und Energie nicht mehr aufbrachten? 
Ursula brauchte, wenn auch sehr erfolgreich in ihrem Leben, über 30 Jahre, um dieses Trauma (sexueller Missbrauch, Freiheitsentzug und Kindswegnahme) aufarbeiten und niederschreiben zu können.


Was meinte die damalige Amtsvormundschaft mit "Nacherziehung"???
Zwei Beispiele unter vielen:
Elsa hatte drei Ehemänner und einen Sohn mit Arsen vergiftet (der Sohn musste sterben, weil er den Mord am Vater mitbekommen hatte). Als Ursula sie mit jugendlicher Neugier fragte, ob sie ihre Taten bereue, sagte Elsa,  „Auf gar keinen Fall!“. Sie würde es wieder tun; die Männer hätten nichts anderes verdient.

Die Mörderin Barbara erzählte ihr mit grösster Genugtuung, wie sie ihrem Onkel – nachdem sie ihn wegen sexueller Belästigungen mehrfach vorgewarnt hatte – den Schädel mit einer Axt gespalten habe. Sie steigerte sich in diese Erzählung hinein und schien die Einzelheiten förmlich zu geniessen. Sie schilderte den Blutstrahl, der aus seinem Schädel geschossen war „wie der Wasserstrahl aus der Nase eines Walfischs“, und den unsagbar dummen, fragenden Blick, den er auf sie gerichtet hatte, bevor er tot zu Boden fiel. Nach der Tat habe sie einen Mordshunger und grossen Durst bekommen. Nachdem sie beides gestillt hatte, habe sie zwei Stunden geschlafen und danach die Polizei angerufen. Die genüssliche Darstellung dieser Szenen schien sie teuflisch zu amüsieren. Sie wiederholte sie immer und immer wieder. Sie gab vor, ihre Inhaftierung eher als eine Art Belohnung zu empfinden. Sie hatte jetzt endlich „Ruhe vor diesem Schwein“ und fühlte sich für einige Jahre auch sicher vor ihrer Familie.


Bericht der Lesung in Dübendorf (im Glatttaler)

Lesung mit Ursula Biondi in der Stadtbibliothek

Den Stachel herausschreiben

In ihrem Buch «Geboren in Zürich» arbeitet Ursula Biondi ihre traumatische Jugend in Zürich und den Kampf ihrer Familie um Einbürgerung auf. Sie wolle damit alle Menschen ermutigen, schreckliche Erlebnisse aufzuschreiben.

Manuela Letsch «Du kannst tausendmal fallen, nur liegen bleiben darfst du nicht
Dieser Leitspruch ihrer Grossmutter begleitete Ursula Biondi auf ihrem harten Weg.

Sie kam als Italienerin der vierten Generation in Zürich zur Welt. Ihre Mutter Trudi Hasler hatte das Schweizer Bürgerrecht verloren, weil sie einen Italiener geheiratet hatte, dessen Mutter ihrerseits Schweizerin gewesen und nach ihrer Heirat mit einem Italiener zur Ausländerin gestempelt worden war.

In ihrem Buch «Geboren in Zürich» arbeitet die heute 50-jährige Autorin ihre Kindheits- und Jugenderlebnisse auf und beschreibt das Ringen einer Familie um Einbürgerung.

Demütigende Realität

«Als meine Mutter den Film Ðie Schweizer Macher zum ersten Mal im Kino sah, brach sie in Tränen aus», so Biondi. Die Verfahren seien weitaus demütigender gewesen als im Film dargestellt. Einbürgerungsbeamte seien grundsätzlich unangemeldet gekommen, hätten sämtliche Schränke geöffnet und die Nachbarn ausgefragt. Aus Angst vor einem schlechten Ruf verbot der Vater seinen Töchtern, sich mit Jungen zu treffen, damit man ihm nicht anlasten könne, er habe «Buebemeitli».

An der strengen Haltung ihres Vaters zerbrach bereits Ursulas erste Liebe. Knapp 14 Jahre alt war sie damals, als die Mutter ihres Freundes sie wegen Verführung eines Minderjährigen anzeigte ihr Freund Albert war gerade einmal zwei Monate jünger als sie. Sie erhielt einen amtlichen Verweis. Schlimmer jedoch war der Kommentar ihres Vaters: «Ich wünschte, sie wäre tot.»

Heute könne sie ihrem Vater nicht mehr böse sein, meint Biondi im Anschluss an die Lesung. Sie hätten sich ausgesprochen, ausgeweint, und sie verstehe die Angst, die er damals hatte. Sie selber sei, im Gegensatz zu ihrem Vater, stets eine gewesen, die auf die Barrikade ging, erzählt Biondi. So floh sie als 17-Jährige mit ihrem Freund Heinz nach Italien, wo sie wenige Tage später wieder aufgegriffen wurde.

Ohne Verfahren ins Gefängnis

Als sich daraufhin herausstellte, dass sie schwanger war, wird sie, ohne ein Verbrechen begangen zu haben, ohne Verfahren und ohne je einvernommen worden zu sein, für zwei Jahre ins Frauengefängnis Hindelbank eingewiesen. Ihren Sohn nimmt man ihr zehn Tage nach der Geburt weg. Immer wieder beschreibt Biondi die Schreiattacken, die sie in ihrer Zelle hatte, besonders nachdem man ihr Baby weggenommen hatte. Einmal habe eine Mitgefangene ihr Schreien nachgeahmt. Da sei sie so wütend geworden, dass sie ein Brett gepackt und es mit voller Wucht nach der Frau geworfen habe. Sie sei selber erstaunt gewesen über die Kraft, die sie hatte. «In dem Moment bin ich zur Kämpferin geworden, die ich heute bin», ist Biondi überzeugt. Nach drei Monaten erhielt sie ihr Kind zurück und wurde nach einem Jahr wegen guter Führung entlassen, «18 Jahre alt, mit einem Baby unter dem Arm und 23 Franken Startkapital».

Befreiender Schreibprozess

Lange hat es gedauert, bis sie bereit war, ihre Geschichte niederzuschreiben. Doch das Schreiben sei wie eine Befreiung gewesen. «Bringt zu Papier, was ihr erlebt habt», fordert Biondi ihr Publikum auf, «damit ihr den Stachel nicht ein ganzes Leben lang mit euch herumtragen müsst.»
 

 

Vortrag vom 25.11.02 in Zürich
von Dr. med. Ursula Davatz

FMH Psychiatrie und Psychotherapie
Familiensystemtherapie nach Murray Bowen

www.ganglion.ch


Einige Worte zur „Aufarbeitung“ von Frau Ursula Müller-Biondi
anlässlich der Buchvernissage
 

- Geschichten erzählen kann Unterhaltungswert haben im Sinne der Belletristik
 
- Geschichten erzählen kann eine hypnotische Wirkung haben im Sinne der Magik der Narrative, Märchen erzählen, Tausend und eine Nacht.
 
- Geschichten aufschreiben kann Geschichte machen im Sinne der Historiker oder der Klassiker.
 
- Die eigene Lebensgeschichte aufschreiben im Sinne eines „narrativen Rekonstruktivismus“ – insbesondere, wenn diese Lebensgeschichte zum Teil sehr schmerzlich war und an die Grenze dessen ging, was ein Mensch ertragen kann, - dies hat eine „heilende Wirkung“. Frau Müller kam ursprünglich zu mir um einen Ausbildungsnachweis für die Ausbildung in ganzheitlicher Psychologie zu erhalten, aber die Gespräche haben sich in Richtung Aufarbeitung vieler traumatischer Erlebnisse vom 11. bis 18. Lebensjahr entwickelt.
 
  Es war meine Aufgabe, als Therapeutin Frau Ursula Müller-Biondi beim Aufschreiben ihrer Lebensgeschichte und gleichzeitiger Aufarbeitung der Traumatas zur Seite zu stehen, sie wohlwollend zu begleiten, ihr Unterstützung zu geben wo der Schmerz allzu gross war, ihr Mut zu geben weiter zu machen und auf sich zu vertrauen, dass sie es schafft an sich zu glauben.- Es war eine schöne Aufgabe, die ich gerne getan habe.
 
- Heute, da das Werk vollendet vor uns liegt, kann ich ihr nur gratulieren. Als erstes, für ihre Kraft ihr Leben als solches überhaupt bestanden zu haben und als zweites zu ihrer mutigen Aufarbeitung ihrer eigenen, ganz persönlichen Narrative, im Sinne einer „narrativen Rekonstruktion“. Der „narrative Rekonstruktivismus“ als „Philosophische Therapieform“, die in therapeutischen Kreisen immer mehr an Bedeutung gewinnt.
 
 

Eröffnungsrede von Dr. Alfred Müller-Biondi
anlässlich der Buch-Vernissage vom 25. November 2002
189 Personen anwesend

 

Sehr geehrte Damen und Herren
Liebe Familienmitglieder und Freunde 

Ich freue mich, Sie im Namen meiner Frau, der Autorin Ursula Müller-Biondi, zur heutigen Vernissage ihres neuen Buches recht herzlich begrüssen zu dürfen. 

Der Ort der heutigen Veranstaltung ist nicht etwa zufällig, sondern ganz bewusst gewählt worden. Ursula erlebte nämlich ihre ersten fünf Kindheitsjahre gleich hier nebenan an der Froschaugasse 2, in der Dachwohnung im obersten Stock, die ihre Eltern auch „Taubenschlag“ nannten, weil unter dem Dach tatsächlich auch Tauben hausten. Ursula hat deshalb noch immer eine besondere Beziehung zu diesem Quartier. 

Nach langer innerer Vorbereitung hat Ursula in 2 ½-jähriger harter Arbeit ihr erstes Buch mit dem Titel „Ursula Biondi  - Geboren in Zürich“, eine Lebensgeschichte,  geschrieben, das nun vorliegt. Ich gratuliere ihr sehr herzlich zu diesem Buch. - Ich gratuliere Dir, Ursula. -  

Sie arbeitet darin einerseits Ihre eigene Lebensgeschichte auf, geht aber andererseits auch auf die Verhältnisse in den Sechziger-Jahren, also vor noch nicht einmal 40 Jahren ein, als es noch kein Frauenstimmrecht, dafür aber ein Konkubinatsverbot und ein Eheverbot für schuldig Geschiedene gab. Damals galt auch noch das aus der reinen Männerpolitik hervorgegangene Bürgerrechtsgesetz, dessen  Leitgedanke die Einheit des Bürgerrechts in der Familie war, und durch das die Schweizer Frauen, die einen Ausländer heirateten, ihr eigenes Schweizer Bürgerrecht verloren. Auch die Kinder von Schweizer Müttern, wie zum Beispiel Ursulas Vater und Ursula selber, galten nach diesem Gesetz als Ausländer. Ab 1952 konnten dann wenigstens die Frauen ihr Schweizer Bürgerrecht wieder zurückverlangen, die Väter und die Kinder aber blieben Ausländer. Was diese - heute kaum mehr vorstellbaren - gesetzlichen Bestimmungen für die junge Ursula bedeuteten, darauf geht sie in ihrem Buch schonungslos ein. Das Buch soll ein Zeugnis des damaligen Zeitgeistes sein und aufzeigen, was damals in unserer Stadt alles möglich war, und wie die Behörden ihre Macht gegenüber wehrlosen Menschen ausspielten. Ich selber gehörte damals als junger Jurist zu dieser Behördenklasse, hätte es mir aber nicht träumen lassen, dass in diesen Kreisen einem jungen wehrlosen Menschen und insbesondere diesen sog. Ausländern, die nach heutigem Recht gar keine solchen mehr wären und es eigentlich auch nie waren,  derartiges Unrecht angetan werden konnte. Die Geschichte der jungen Ursula Biondi ist spannend und geht unter die Haut. Ich kann Ihnen nur empfehlen, sie aufmerksam zu lesen und daraus Ihre eigenen Schlüsse und Lehren zu ziehen.
 


 

Ursula brauchte über 30 Jahre, um dieses Trauma (sexueller Missbrauch, Freiheitsentzug und Kindswegnahme) aufarbeiten und niederschreiben zu können.
 

 

und heute

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